Blockchain im Gesundheitswesen: Wo könnte der tatsächliche Nutzen liegen?

Blockchain ist aktuell vor allem für ihre Anwendungsfälle im Finanzbereich bekannt. Im Gesundheitswesen könnte ihr grösster Nutzen jedoch an anderer Stelle liegen: nicht als Speicher für Gesundheitsdaten, sondern als gemeinsame Vertrauensschicht zwischen Spitälern, Praxen, Apotheken, Forschung und weiteren Beteiligten. Sie könnte helfen, Herkunft, Berechtigungen und Veränderungen von Daten über Organisationsgrenzen hinweg nachvollziehbar zu machen.

Wann ist eine Blockchain sinnvoll?

Nicht jedes Problem braucht eine Blockchain. Innerhalb eines Spitals ist eine klassische Datenbank mit Audit-Log meist einfacher und zweckmässiger.

Eine Blockchain kann sinnvoll sein, wenn mehrere unabhängige Organisationen zusammenarbeiten, keine Partei die Infrastruktur allein kontrollieren soll und eine überprüfbare Historie erforderlich ist.

Ein Beispiel ist die internationale Medikamentenlieferkette: Hersteller, Logistikunternehmen, Grosshändler, Spitäler und Apotheken könnten Herkunft und Lieferstationen gemeinsam dokumentieren, ohne dass ein einzelner Akteur die Historie kontrolliert.

Eine Blockchain ersetzt jedoch keine digitale Basisinfrastruktur. Klare Regeln, digitale Identitäten, gemeinsame Standards und interoperable Systeme bleiben notwendige Voraussetzungen.

Gesundheitsdaten gehören nicht auf die Blockchain

Diagnosen, Genom- und Forschungsdaten sowie persönliche Identitätsdaten sollten nicht direkt auf einer Blockchain gespeichert werden. Sie müssen korrigiert oder gelöscht werden können und unterliegen hohen Datenschutzanforderungen.

Eine Blockchain funktioniert vereinfacht wie «Änderungen nachverfolgen» in Word, mit einer dauerhaft nachvollziehbaren Historie. Korrekturen sind möglich, erscheinen jedoch als neue Einträge.

Die Gesundheitsdaten selbst bleiben im Klinikinformationssystem, Register oder Forschungsrepository. Die Blockchain kann als Vertrauensschicht («Trust Layer») dokumentieren, woher Daten stammen, wer darauf zugreifen darf und welche Änderungen, Zugriffe oder Freigaben erfolgt sind.

Abbildung: Blockchain Trust Layer. Eigene Darstellung in Anlehnung an eine Präsentation von Dr. Daniel Fasnacht (2026).

Beispiel: Forschung zu seltenen Krankheiten

Bei seltenen Krankheiten sind relevante Patientendaten oft über Spitäler, Register, Forschungsgruppen und Länder verteilt.

Eine Patientin erlaubt die Nutzung ihrer Daten für eine bestimmte Studie, einen festgelegten Zeitraum und unter klaren Bedingungen:

Nutzung erlaubt → Forschungszweck X → Bedingungen Y → bis Zeitpunkt Z

Die Gesundheitsdaten bleiben beim Spital oder im Forschungsrepository. Die Blockchain dokumentiert die Einwilligung und ihre Bedingungen nachvollziehbar.

Beantragt eine Forscherin Zugang, prüft ein Dienst ihre Berechtigung und die Gültigkeit der Einwilligung. Nur wenn alle Bedingungen erfüllt sind, wird der Zugriff freigegeben. Ein Widerruf verhindert weitere Freigaben.

Die Blockchain dient somit nicht als Gesundheitsdatenbank, sondern als Regel-, Nachweis- und Vertrauensmechanismus.

 

Smart Contracts könnten Regeln automatisieren

Smart Contracts führen festgelegte Regeln automatisch aus. Ein Zugriff wird beispielsweise nur freigegeben, wenn die Forscherin berechtigt ist und eine gültige Einwilligung die Studie abdeckt.

Menschen und Institutionen bestimmen die Regeln. Die Technologie prüft deren Einhaltung und führt die vereinbarten Aktionen aus.

 

Potential für das Schweizer Gesundheitswesen

Die aktuelle Avenir-Suisse-Analyse «Standards statt Staatsdossier» beschreibt eine dezentrale Gesundheitsinfrastruktur. Medizinische Daten bleiben bei Praxen, Spitälern und weiteren Datenhaltern und werden über gemeinsame Standards und Schnittstellen ausgetauscht.

Eine Blockchain könnte diese Infrastruktur als zusätzliche Vertrauensschicht ergänzen. Dabei würden nicht die Gesundheitsdaten selbst auf der Blockchain gespeichert. Dokumentiert werden könnten vielmehr deren Herkunft, Zugriffsberechtigungen, Einwilligungen und Veränderungen – auch über Organisationsgrenzen hinweg.

Mit dem zunehmenden Einsatz generativer KI wird diese Nachvollziehbarkeit noch wichtiger. Eine Publikation in npj Digital Medicine zeigt, wie wichtig es ist, KI-generierte Inhalte in medizinischen Dokumentationen zu erkennen und ihre Entstehung zurückverfolgen zu können. Blockchain ist nicht Gegenstand der Publikation, könnte aber eine mögliche technische Grundlage für solche Nachweise sein.

Blockchain ist dabei nur eine mögliche technische Lösung. Zuerst braucht es verbindliche Standards, interoperable Systeme, sichere digitale Identitäten und klare Verantwortlichkeiten. Bund, Kantone und Gesundheitsorganisationen müssen dafür den rechtlichen und organisatorischen Rahmen schaffen. Eine Blockchain könnte anschliessend dabei helfen, bestimmte Vorgänge überprüfbar zu dokumentieren, etwa wer auf Daten zugreifen durfte, welche Einwilligung galt oder ob Informationen verändert wurden.

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