Die Zukunft
ärztlicher Arbeit

Wie generative KI den ärztlichen Alltag verändert

Arztpraxis Zukunft KI

Von spezialisierter zu generativer KI

Noch vor wenigen Jahren wurde Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen vor allem für einzelne, klar definierte Aufgaben eingesetzt. Spezialisierte Programme analysierten beispielsweise Röntgen- oder Netzhautbilder und unterstützten Ärztinnen und Ärzte dabei, bestimmte Krankheiten zu erkennen. Mit der generativen KI hat sich das verändert. Systeme wie ChatGPT, Gemini oder Claude können nicht nur eine einzelne Aufgabe übernehmen, sondern Texte verfassen, medizinische Informationen zusammenfassen, übersetzen oder Gespräche und Berichte dokumentieren. Sie bilden damit die Grundlage für zahlreiche neue Anwendungen im Gesundheitswesen. Internationale Befragungen zeigen, dass KI den administrativen Aufwand reduziert, klinische Arbeitsabläufe unterstützt und Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für die direkte Patientenversorgung verschaffen kann [1]. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, welche Aufgaben künftig von KI unterstützt werden und welche Rolle Ärztinnen und Ärzte dabei einnehmen.

Von Chatbots zu intelligenten Assistenzsystemen

Die Entwicklung der generativen KI schreitet rasant voran. Während heutige Anwendungen oft noch einzelne Aufgaben wie das Verfassen von Berichten oder das Zusammenfassen von Informationen übernehmen, entstehen zunehmend intelligente Assistenzsysteme und sogenannte KI-Agenten.

Diese Systeme beschränken sich nicht mehr darauf, Fragen zu beantworten. Sie können Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen, administrative Prozesse automatisieren oder komplexe Arbeitsabläufe unterstützen. Langfristig werden solche Systeme direkt in Praxis- und Klinikinformationssysteme integriert sein und Ärztinnen und Ärzte während des gesamten Behandlungsprozesses begleiten [2].

Gleichzeitig zeigt die aktuelle Forschung, dass allgemeine grosse Sprachmodelle medizinische Fragestellungen inzwischen mindestens so gut oder teilweise sogar besser beantworten als viele spezialisierte medizinische KI-Anwendungen. Ihr grösster Nutzen entsteht jedoch erst dann, wenn sie sicher und nahtlos in bestehende klinische Arbeitsabläufe eingebunden werden [3].

Von der Informationsquelle zum KI-Partner

Mit der zunehmenden Verbreitung generativer KI verändert sich auch die Rolle der Ärztinnen und Ärzte. Patientinnen und Patienten nutzen bereits heute KI, um Symptome einzuordnen, mögliche Diagnosen zu erhalten oder sich über Therapien zu informieren [4]. Im Unterschied zu klassischen Suchmaschinen kann generative KI Rückfragen stellen, Gespräche fortführen und individuelle Informationen berücksichtigen. Dadurch entstehen zunehmend personalisierte Einschätzungen.

Ärztinnen und Ärzte werden deshalb künftig häufiger KI-generierte Informationen einordnen, deren Qualität kritisch beurteilen und gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten besprechen. Gleichzeitig übernimmt KI immer mehr Routineaufgaben wie Dokumentation, Informationssuche oder administrative Tätigkeiten. Dadurch gewinnen jene Kompetenzen an Bedeutung, die sich nicht automatisieren lassen: klinisches Urteilsvermögen, Empathie, Kommunikation und die gemeinsame Entscheidungsfindung. Gleichzeitig werden Vertrauen, Transparenz und Nachvollziehbarkeit beim Einsatz von KI zu zentralen Voraussetzungen für eine sichere und akzeptierte Patientenversorgung.

Auch wenn KI Diagnosen vorschlagen oder Behandlungsoptionen aufzeigen kann, bleibt die medizinische Verantwortung bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. KI unterstützt medizinische Entscheidungen – sie ersetzt sie nicht.

Von technischer Innovation zu vertrauenswürdiger KI

Damit generative KI ihr Potenzial im Gesundheitswesen entfalten kann, braucht es mehr als leistungsfähige Modelle. Entscheidend sind strukturierte Gesundheitsdaten, interoperable Systeme und eine digitale Infrastruktur, die eine sichere Integration in den klinischen Alltag ermöglicht.

Ebenso wichtig sind Datenschutz, Transparenz und klare Verantwortlichkeiten. Die FMH empfiehlt deshalb unter anderem, KI-generierte Inhalte kritisch zu überprüfen, Patientendaten datenschutzkonform zu verarbeiten, den Einsatz von KI gegenüber Patientinnen und Patienten transparent zu machen und zunächst risikoarme Anwendungsfälle zu wählen [6].

Auch die wissenschaftliche Literatur kommt zu einem ähnlichen Schluss [5]: Generative KI kann Ärztinnen und Ärzte wirksam entlasten, gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen wie Halluzinationen, fehlende Evidenz sowie Fragen der Haftung und Sicherheit. Ein verantwortungsvoller Einsatz setzt deshalb menschliche Kontrolle und eine klare Governance voraus.

Von einzelnen KI-Werkzeugen zur KI-gestützten Arztpraxis

Die eigentliche Transformation des Gesundheitswesens beginnt erst. In drei bis fünf Jahren wird generative KI in vielen Arztpraxen und Spitälern nicht mehr als separates Werkzeug genutzt, sondern fester Bestandteil der Praxissoftware sein. Während einer Konsultation dokumentiert sie das Gespräch automatisch, fasst die Krankengeschichte zusammen, schlägt passende Leitlinien oder Therapieoptionen vor, erstellt den Arztbericht und bereitet Überweisungen oder Rezepte vor. KI-Agenten werden zudem administrative Aufgaben übernehmen, Termine koordinieren oder Informationen aus verschiedenen Systemen zusammenführen.

Dadurch verändert sich auch die ärztliche Tätigkeit. Weniger Zeit wird für Dokumentation und Informationssuche benötigt, mehr Zeit bleibt für jene Aufgaben, die keine KI übernehmen kann: komplexe Entscheidungen, Kommunikation, Empathie und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patientinnen und Patienten.

Für Ärztinnen und Ärzte wird deshalb der kompetente Umgang mit KI zu einer neuen Kernkompetenz – vergleichbar mit dem Umgang mit dem Internet oder dem elektronischen Patientendossier. Entscheidend ist nicht, jede technische Entwicklung im Detail zu verstehen, sondern die Möglichkeiten und Grenzen der Systeme richtig einschätzen und ihre Ergebnisse kritisch beurteilen zu können.

Die Arztpraxis der Zukunft wird deshalb nicht von KI oder von Menschen allein geprägt sein. Erfolgreich werden jene Praxen sein, in denen beide ihre jeweiligen Stärken optimal verbinden. Generative KI wird Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen – sie wird zu einem selbstverständlichen Mitglied des Behandlungsteams.

Quellen

[1] Philips. Future Health Index 2026 – AI in Practice. Amsterdam: Philips; 2026. Verfügbar unter: https://www.philips.com/a-w/about/news/future-health-index/reports/2026/ai-in-practice.html‍ ‍

[2] Tu T, Chen Y, Wulczyn E, et al. A medical AI agent for long-horizon clinical tasks. Nature. 2026. Verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/s41586-026-10675-5‍ ‍

[3] Zhang Y, et al. Frontier large language models versus specialized medical AI systems. Nature Medicine. 2026. Verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/s41591-026-04431-5‍ ‍

[4] STADA. STADA Health Report 2026. Bad Vilbel: STADA Arzneimittel AG; 2026. Verfügbar unter: https://www.stada.com/de/blog/posts/2026/juli/stada-health-report-2026‍ ‍

[5] Meschi T, et al. Large language models in clinical practice: opportunities, challenges and the need for calibrated trust. Internal and Emergency Medicine. 2026. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/s11739-026-04393-z‍ ‍